Geschichte


1844-1847 lässt Kaiser Friedrich Wilhelm IV. vor den Toren des alten Berlins in der neuen Luisenstadt ein großes Krankenhaus errichten, die Diakonissenanstalt Bethanien. Als Ruhesitz für die alt gewordenen Diakonissenschwestern ent­steht 30 Jahre später, 1877, in den Parkanlagen des Krankenhauses, ein sog. „Feyer­abendhaus“. Fast 70 Jahre wird hier geruht und gebetet, dann erleidet das Haus im 2. Weltkrieg schwere Bombenschäden. 1953 wird es wiederaufge­baut. Kurze Zeit dient es als Pfarrhaus. Als das Krankenhaus Bethanien 1970 geschlossen wird, verhindern Bürgerinitiativen seinen Abriss. Im Dezem­ber 1971 wird das Schwesternwohnheim neben dem Hauptgebäude besetzt (das heutige „Georg-Rauch-Haus“), 1972 auch die Altersvilla der Diakonissen. In den 70er und 80er Jahren rich­ten sich immer mehr soziale und kulturelle Einrichtungen in den Haupt- und Nebengebäu­den des Bethanien ein, darunter eine Musikschule, das Künstlerhaus, verschiedene Jugendhilfeprojekte und mehrere Kitas. Der Bezirk entwickelt von Zeit zu Zeit zu Pläne, die teure Immobilie Bethanien kostendeckend zu betreiben. So soll es nach dem Zusammenschluss von Kreuzberg und Friedrichshain zum neuen Bezirksrathaus und Bürgeramt umgerüstet werden. 2002 entsteht die Idee eines "Internationalen kulturellen Gründerzentrums", doch die Besetzung des Südflügels 2005 und ein von den Besetzern initiiertes Bürgerbegehren verhindern den Verkauf an einen privaten Investor. Die Bezirksversammlung beschließt 2006 den Ausbau des Hauptgebäudes zu einem „offenen kulturellen. künstlerischen, politischen und sozialen Zentrum“. Im Umfeld von Bethanien bemüht sich seit 2004 das Stadtteilmanagement KOKO (heute Quartiersmanagement) und die daraus erwachsene „Mariannenplatzrunde“ um eine bessere Vernetzung und Kooperation der zahlreichen Träger und Projekte. Auch das Jugendamt, das 2007 in die Adalbertstraße zieht, beteiligt sich aktiv an der Mobilisierung der örtlichen Kräfte. Dies führt 2009 zur Gründung des „Campus Marianne“. Seine Vision ist es, die vielfältigen Einrichtungen rund um den Mariannenplatz (Kitas, Schulen, Jugendhilfeprojekte, Kulturangebote, Anwohnerinitiativen etc.) näher zusammenzubringen und genauer auf-einander abzustimmen, um den Kindern,. Jugendlichen und Familien dieses Stadtteils bessere Lebensbedingungen zu verschaffen, Orientierungshilfen zu geben und ein nachbarschaftliches Miteinander zu ermöglichen.


 

Das „Feyerabendhaus“ im Zentrum des heutigen Campus Marianne war fast 70 Jahre lang ein „Altenhaus“. Seit nun bald 40 Jahren ist es ein „Kinderhaus“. 1972 beziehen die ersten „Eltern-Kind-Gruppen“ das Gebäude. Sie beginnen sofort mit seiner Instandsetzung des Gebäudes und der Säuberung seiner zur Müllkippe verkommenen Umgebung. Einige dieser Gruppen arbeiten nach dem Vorbild der „sozialistischen Kinderläden“ und ziehen Eltern aus ganz Berlin an. Manche von ihnen reisen täglich vom Bahnhof Zoo an, um ihren Kinder die neue staats- und kirchenfreie Betreuungsform zu ermöglichen. Doch auch die antiautoritären und ande­ren pädagogischen Experimente verlaufen nicht gewalt- und konfliktfrei. Zu den internen Diskursen um das richtige Erziehungsmodell kommt der Kampf mit den Behörden um eine bessere Platzgeldförderung für den immer größer werdenden Kitabetrieb. 1974 schließen sich die Einzelgruppen des Hauses zu einer gemeinsamen „Eltern-Initiativ-Kinder-Tagesstätte“ (EIKITA) zusammen. Doch bald zeigt sich, dass die Eltern allein mit der Selbstorganisation und dem Betrieb einer Kindertagesstätte überfordert sind. Immer mehr Erzieherinnen übernehmen Betreuungs- und Leitungsaufgaben. Im Zuge der Ausein­andersetzungen um das richtige Konzept wird aus der Elterninitiative zwischenzeitlich eine Erzieherinnnenitiative. 1993 wird das Haus neu struktu­riert, der Hortbereich (20 Plätze) in einen Kindergartenbereich umgewandelt, Räume werden umgestaltet und eine feste Küche eingerichtet.  Die Kinderzahl erhöht sich von 60 auf 72, die Öffnungszeiten werden er­weitert, eine hauptamtliche Leitung, ein Koch und Putzkräfte eingestellt. Der Verein nennt sich nun "Kinderhaus Waldemar."  Nach einigen undemokratischen Entwicklungen kommt es 1998 zu einer weite­ren Reform des Kitabetriebes. Die pädagogische Leitung wird durch eine geschäftsfüh­rende Leitung ersetzt, die Aufgabenfelder von Eltern und Erziehern werden neu definiert, der Vorstand wird paritätisch besetzt. Die pädagogische Leitung übernimmt nun das Team, gestärkt durch die Einrichtung von Supervision und regel­mäßigen Fortbildungen. Seit 2004 sucht das Kinderhaus die Kooperation mit anderen Einrichtungen, besonders mit dem Familienzentrum im Vorderhaus und den Schulen. Eine Erzieherin des Hauses richtet im Vorderhaus eine „Kinderbar“ ein. Mit der Umsetzung des 2005 in Kraft getre­tenen „Berliner Bildungsprogramms“ stellt sich das Kinderhaus den wachsenden Heraus­forderungen an einen modernen Kitabetrieb. Mit weit über 100 Vormerkungen pro Jahr gehört es zu den beliebtesten Kitas in Kreuzberg. Ab August 2009 - nach dem Umbau der ehemaligen Horträume im Souterrain - bietet das Kinderhaus nun auch eine spezielle Betreuung für 1-jährige Kinder an. Die Zahl der betreuten Kinder erhöht sich damit auf jetzt 85 Kinder. Doch noch bevor die Kleinkindgruppe ihre neuen Räume beziehen kann, werden im Rahmen einer Denkmalschutzsanierung im gesamten Gebäude Schwamm diagnostiziert. Für den Bezirk und die Nutzer ist das ein schwerer Schock. War’s das für das Kinderhaus? Ist jetzt Feierabend im Feierabendhaus? Nein. Mit vereinten Kräften überstehen Kinder, Eltern und Mitarbeiter auch ein einjähriges Exil an wechselnden Standorten in ganz Kreuzberg. Im September 2010 kehren die Kindergruppen in die grundsanierte und im historischen Glanz erstrahlende neue alte Villa zurück. Schwamm drüber. Die Zukunft des Kinderhauses für die nächsten 130 Jahre scheint gesichert.

 



 

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