Konzeption

(Ausschnitte)

UMFELD

Das Kinderhaus Waldemar steht dort, wo sich einmal die Parkanlagen des Krankenhauses Bethanien befanden. Auch heute noch ist es umgeben von Grünflächen. Dazu gehören ein eigener Garten, ein Abenteuerspielplatz und weitere Spielplätze, Bolzplätze, ein Rosengarten und ein Freiluftkino. Der Mariannenplatz liegt um die Ecke und auch der Görlitzer Park (mit dem Spreewaldbad) ist zu Fuß zu erreichen. Nur eine Straße muß man überqueren, um zum Kinderbauernhof in der Adalbertstraße zu gelangen, wo es Pferde und Esel gibt, Ziegen und Hasen, Meerschweinchen, Hühner und Gänse. Diese schöne Umgebung bestimmt unseren Tagesablauf. Wir sind mit den Kindern so oft es geht draußen.

Kinder mit verschiedenem kulturellen Hintergrund, die täglich miteinander spielen, brauchen in der Regel keine von außen gesteuerten Integrationsmaßnahmen. Sie entwickeln schnell ein Bewußtsein die Vielfalt der Sprachen und Kulturen. Im Kinderhaus fördern wir das Bewußtsein der Kinder für ihr multikulturell geprägtes Umfeld durch Ausflüge, Besichtigungen, Theaterbesuche oder auch eigene Projekte. Besonders wichtig sind uns die Kontakte unter den Familien. Wenn möglich, besuchen sich die Kinder reihum zu Hause, z.B. zum Frühstück.

Zu unseren Aufgaben gehört es aber auch, die Kinder auf eine deutsche Schule und ein Leben in Deutschland vorzubereiten. Deshalb haben wir uns darauf verständigt, dass der Anteil fremdsprachiger Kinder in einer Gruppe 30% nicht übersteigt und untereinander deutsch gesprochen wird. Selbst Kinder, die bei der Aufnahme nur wenige Worte deutsch sprechen, sind spätestens nach einem Jahr in der Gruppe kulturell und sprachlich gut integriert. Bevor die Kinder in die Schule kommen, überprüfen wir ihre Sprachkenntnisse anhand einer vom Senat entwickelten Sprachstandserhebung. Es kommt so gut wie nie vor, dass ein Kind aus dem Kinderhaus diesen Test nicht besteht und eine besondere Sprachförderung benötigt.

ÖFFNUNGSZEITEN

Das Kinderhaus ist montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr geöffnet.. Während der Kernzeit (9 bis 16) werden die Kinder in ihren Gruppen betreut. Im Frühdienst (8-9) und im Spätdienst (16-17) werden die Kinder aus allen Gruppen von einem/r ErzieherIn betreut. Um den Überblick über die Früh- und Spätdienstkinder zu behalten, ist eine Anmeldung im Büro erforderlich.

EINGEWÖHNUNG

Das Kinderhaus Waldemar betreut insgesamt 85 Kinder, davon 75 Kinder in fünf altersgemischten Gruppen (2-6 Jahre) mit durchschnittlich 15 Kindern und einer Kleinkindgruppe mit 10 Kindern (1-2 Jahre). In jeder Gruppe arbeiten drei ErzieherInnen auf insgesamt 2 Stellen. Diese Stundenzahl variiert abhängig von dem Alter der Kinder und besonderen Stundenzuschlägen für Integrationskinder. Obwohl jede Gruppe ihr eigenes Profil hat, verläuft die Eingewöhnung in allen Gruppen ähnlich, und zwar in drei Phasen.

Unser „Eingewöhnungsmodell" richtet sich hauptsächlich an die Eltern, deren Kinder bei der Aufnahme zwischen zwei und drei Jahren alt sind. Ältere Kinder, vor allem dann, wenn sie schon eine Einrichtung besucht haben, passen sich einem neuen Umfeld meist sehr schnell an und müssen selten länger als eine Woche „eingewöhnt" werden. Für die 2-3-jährigen jedoch, die von ihrer vertrauten Familiensituation in eine große, weniger überschaubare Einrichtung kommen, fordert diese Umstellung ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Vertrauensvorschuss. Die Eingewöhnung in unserem Haus dauert in der Regel drei bis vier Wochen und sollte nicht willkürlich von den Eltern verkürzt werden.

Die meisten Kinder dieser Altersgruppe neigen dazu, nach anfänglicher Neugier zu verängstigen - sie wollen zurück in ihre vertraute Familiensituation. Um die Trennungsängste des Kindes so gering wie möglich zu halten, wird es stufenweise an sein neues Umfeld gewöhnt. Das Vertrauen zwischen dem Kind und den ErzieherInnen bildet sich in vielen kleinen Schritten.

Nach der Anmeldung des Kindes, ersten Gesprächen mit den ErzieherInnen und der Kontaktaufnahme mit der Gruppe kann die Eingewöhnung beginnen. Eltern, die ihr Kind bei der Eingewöhnung nicht selbst begleiten können, müssen eine andere Vertrauensperson des Kindes finden, die ihre Aufgabe übernimmt. Um den Gruppenprozess nicht unnötig zu belasten, werden jeweils nur maximal drei bis vier Kinder gleichzeitig eingewöhnt. Bei Krankheit des Kindes oder der Bezugsperson verlängert sich die Eingewöhnung entsprechend.

In der ersten Phase kommt das Kind mit der Mutter, dem Vater oder der „Bezugsperson" um 9.00 Uhr in das Kinderhaus. In der Nähe und unter der Obhut des ihm vertrauten Menschen nimmt es das gemeinsame Frühstück ein und erkundet allmählich sein neues Umfeld: die Gruppenräume, die Spielmöglichkeiten, die anderen Kinder. Die ErzieherInnen halten sich in den ersten Tagen noch im Hintergrund, stehen aber den Eltern jederzeit unterstützend zur Seite. So haben sie genügend Zeit, die Beziehung des Kindes zu Mutter oder Vater und die beginnenden Kontakte der Kinder untereinander zu beobachten. Spätestens nach dem Mittagessen, gegen 13:00 Uhr, verabschiedet sich das Kind von der Gruppe.

In der zweiten Phase intensiviert sich der Kontakt zwischen ErzieherInnen und den neuen Kindern. Die Eltern treten mehr in den Hintergrund. Sie können ihr Kind in der neuen Umgebung beobachten und ihre Eindrücke mit den ErzieherInnen besprechen. Es ist für die Eingewöhnung förderlich, wenn die Eltern den ErzieherInnen etwas von der Lebensgeschichte, der Entwicklung und der Familiensituation ihres Kindes mitteilen. Die Eltern können nun auch zunehmend die Gruppenräume verlassen, jedoch immer nur nach Absprache und zunächst nur für kurze Zeit. Die Zeiten, die die Eltern außerhalb des Gruppengeschehens verbringen, werden in der zweiten Phase kontinuierlich gesteigert.

Wenn die ersten beiden Phasen problemlos verlaufen sind, kann das Kind in der dritten Phase bereits am normalen Tagesablauf teilnehmen. Die Eltern begleiten das Kind jetzt nur zum Frühstück. Danach verlassen sie das Kinderhaus und holen ihr Kind nach dem Mittagessen oder nach dem Schlafen wieder ab. Die Eltern sollten jedoch telefonisch erreichbar sein, damit sie bei allzu großem Trennungsschmerz jederzeit zur Stelle sein können. Das Tempo der Eingewöhnung bestimmen nicht die Eltern, sondern das Kind. Bei besonderen Schwierigkeiten werden die ErzieherInnen mit den Eltern einen individuellen Eingewöhnungsplan erarbeiten. In den meisten Fällen jedoch ist der Eingewöhnungsprozess nach drei bis vier Wochen abgeschlossen und das Kind gut in seine Gruppe integriert.

ALTERSMISCHUNG

5 von 6 Gruppen des Kinderhauses sind altersgemischt. Die Größe einer Gruppe berechnet sich nach den in ihr vorkommenden Altersgruppen. Eine Gruppe besteht in der Regel aus 14 bis 16 Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren. Wenn ein Kind mit ca. zwei Jahren aufgenommen wird, durchläuft es in vier Jahren alle Altersstufen und nimmt dabei verschiedene Positionen in der Gruppe ein. Dieser „Geschwistereffekt" hat nach unserer Erfahrung große Vorteile für die Entwicklung des Kindes. Die Jüngeren lernen von den Älteren, die Älteren von den Jüngeren, indem sie sich umeinander kümmern, sich helfen und Rücksichtnahme entwickeln. Nicht die Konkurrenz steht im Vordergrund, wie sie unter Gleichaltrigen herrscht, vielmehr bildet sich eine komplexe soziale Gemeinschaft, die sich Regeln gibt und in der einer von dem anderen profitiert. Die Altersmischung verlangt von den ErzieherInnen ein flexibles und situationsorientiertes Handeln: sie ist lebensnah, abwechslungsreich und fordert immer wieder neue Ideen heraus.

DIE SELBST-BILDUNG DES KINDES

Kein Kind ist wie das andere. Kinder leben in eigenen Welten, nach eigenen Gesetzen und mit eigenen Sprachen, die wir als Erwachsene nur teilweise verstehen. Kinder bilden sich selbst, brauchen für ihre Selbstentfaltung jedoch unsere Unterstützung. Wir, die ErzieherInnen und Eltern, „bilden" mit den Kindern zusammen einen Raum, in dem wir gemeinsam wachsen und lernen können. Wir ermutigen, fördern und unterstützen es auf dem ihm eigenen Weg und spiegeln ihm wieder, wo es sich befindet.

Unsere pädagogische Arbeit deckt sich weitgehend mit dem Bildungsverständnis des „Berliner Bildungsprogramms". Wir ermöglichen unseren Kindern Erfahrungen in den dort aufgeführten sieben Bildungsbereichen: 1. „Körper, Bewegung und Gesundheit", 2. „Soziale und kulturelle Umwelt", 3. „Kommunikation, Sprachen, Schriftkultur und Medien", 4. „Bildnerisches Gestalten", 5. „Musik", 6. Mathematische Grunderfahrungen" 7. „Naturwissenschaftliche Grunderfahrungen". Diese Bereiche sind nicht als Fächerkanon zu verstehen, der nacheinander „abgearbeitet" wird, wie die Bezeichnung „Bildungsprogramm" nahelegen könnte. Vielmehr achten wir darauf, dass das Kind, das spielend seine Umwelt entdeckt, in möglichst ganzheitlicher Weise Erfahrungen macht, die seiner Persönlichkeitsentwicklung, seinem Sozialverhalten und seiner „Sachkompetenz" gleichermaßen zugute kommen. Wir verstehen Bildung nicht als „Ausbildung" spezieller, quantifizierbarer Fähigkeiten oder gar schulischer Fertigkeiten. Deshalb veranstalten wir mit unseren Kindern, auch mit den älteren, keine Vorübungen zum Lesen, Schreiben und Rechnen. Vielmehr bieten wir ihnen im Kinderhaus einen Entwicklungsraum für alle ihre Qualitäten. Alles, was die Kinder in und mit der Gruppe erleben, sei es im freien Spiel oder in der Projektarbeit, sind „Bildungserlebnisse", die die ErzieherInnen behutsam begleiten. Mit zunehmenden Alter treffen sich die Kinder in der Gruppe, aber auch gruppenübergreifend zu „Vorschulprojekten", wo sie an ein konzentriertes Spielen und Gestalten herangeführt werden.

BEOBACHTUNG UND DOKUMENTATION

Die ErzieherInnen in den Gruppen arbeiten mit verschiedenen Instrumenten und Methoden, um die individuelle Entwicklung der Kinder mitzuvollziehen (siehe Gruppenkonzeptionen). Dazu gehören das individuell gestaltete „KinderTagebuch", Entwicklungstabellen, das Elterngesprächsbuch, Alltagsnotizen, Projektdokumentationen, Bildermappen, Fotos, Reisetagebücher und anderes mehr. Die Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Entwicklung dient nicht der Abfrage staatlich geforderter Standards, sondern allein der individuellen Förderung des Kindes. In Zusammenarbeit mit den Eltern machen sich die ErzieherInnen ein möglichst umfassendes Bild über die Persönlichkeit und den Entwicklungsstand des Kindes. Sie stimmen sich über Fördermöglichkeiten ab, die dem einzelnen Kind zugute kommen sowie der Entwicklung der Gruppe gerecht werden, über relevante Themen, Projekte, Exkursionen oder die Raumgestaltung.

KINDERREISE

Einmal im Jahr, wenn der Sommer kommt, fiebern Kinder und ErzieherInnen einem großen Ereignis entgegen: der Kinderreise. Jede Gruppe im Haus geht für vier bis fünf Tage auf eine eigene, lange vorbereitete Reise ins nähere oder weitere Berliner Umfeld. Für die Kinder ist das jedesmal ein großes Abenteuer und ein bedeutender gemeinsamer Schritt in die Selbständigkeit. Wir möchten, daß möglichst alle Kinder an diesem Gemeinschaftserlebnis teilhaben können. Die Kinderreise hilft dem Kind in besonderer Weise, in der Gruppe seinen Platz zu finden und mit anderen Kindern zusammen ein neues Stück Welt zu entdecken.

PÄDAGOGIK – EIN OFFENER PROZESS

Wir verstehen unsere pädagogische Arbeit als einen offenen Prozess. Die hier vorgestellte „Konzeption" ist nur ein Ausschnitt aus dieser Arbeit, eine Orientierungshilfe, kein Regelwerk. Sie beschreibt die Rahmenbedingungen unserer Arbeit, die sich von Jahr zu Jahr verändert: mit den Menschen, die an ihnen beteiligt sind, und den Umständen, unter denen sie leben. Das Team ist die pädagogische Zentrale des Kinderhauses. Es arbeitet Hand in Hand mit dem Vorstand, der zur Hälfte von ErzieherInnen gebildet wird, und trifft sich einmal in der Woche zu den Sitzungen des Hausteams, des Etagenteams und der Supervision. Ziel dieser ständigen Selbstreflexion ist die Verbesserung der pädagogischen Arbeit und die Selbstmotivation. Das offene Konzept des Kinderhauses gibt den einzelnen Gruppen Raum für eigene pädagogische Konturen. ( bitte dort nach der Gruppenkonzeption fragen )

Was in den Gruppen des Kinderhauses passiert, ist wesentlich geprägt von den dort mitwirkenden Persönlichkeiten, den ErzieherInnen, den Eltern und vor allem den Kindern. Denn natürlich stehen sie - die Kinder - im Mittelpunkt all unserer Anstrengungen und Vergnügungen. Wir könnten hier eine lange Liste von "Fähigkeiten" und "Kompetenzen" aufführen, die wir bei unseren Kindern entwickeln und fördern möchten. Doch geht es im Grunde unserer pädagogischen Bemühungen nie um einzelne Qualitäten oder gar vorzeigbare "Leistungen". Wichtig ist allein, dass die Kindern während ihrer Zeit im Kinderhaus ihr natürliches Wesen weiter ausbilden können und dass wir ihnen bei dieser "Ausbildung" behilflich sind. Was wir den Kindern auf dem Weg ihrer Selbstbildung geben müssen, sind: Strukturen, die Halt geben, und Spiel-Raum. Oder anders gesagt: Geborgenheit und Endeckungsfreude, Verlässlichkeit und Offenheit, Vertrauen und Mut. Was die Kinder am nötigsten brauchen für die Vertiefung und  Entfaltung ihrer einzigartigen Kräfte, war in der Weisheit der Völker schon bekannt, bevor es die moderne Pädagogik gab. Was die Kinder am nötigsten brauchen - so sagt es eine indische Spruchweisheit, ein arabisches Sprichwort, eine afrikanischen Überlieferung und der deutsche Herr Goethe - sind Wurzeln und Flügel.

Wurzeln und Flügel

Auf einem Hügel überm Feld
rauscht eine alte Linde
an ihrem Stamm reibt sich das Wild
und oben zerrn die Winde

Ich weiß nicht, wie sie Wurzeln schlug
dort oben auf dem Hügel
Jetzt breitet sie die Arme aus
Ich glaub, ihr wachsen Flügel


So viele stehn in Reih und Glied
am graden Stock gezogen
gebunden und zurechtgestutzt
beschnitten und verbogen

Und andre blühn am Straßenrand
aus Dreck und Schlamm gestiegen
Wer einen Ort zum Wurzeln hat
der hat auch Raum zum Fliegen


Die Babies schweben federleicht
vom Himmel auf die Erde
Sie lernen stehn, sie gehn allein,
sie laufen mit der Herde

Was ist das, was uns vorwärtstreibt,
so sehr wir es auch zügeln?
Es rauscht im trägsten Knochensack
ein Engel mit den Flügeln

 

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